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Die leuchtend gelben Birnen im Korb

von Holger von der Born

Holger von der Born

Wir wohnten in einer kleinen Seitenstraße in Rahlstedt, einem Stadtteil im Nordosten von Hamburg. Ich wuchs damals bei meiner Oma auf, denn meine Mutter interessierte sich mehr für andere Dinge, als sich um ihren Sohn zu kümmern. Meine Oma war eine kluge Frau, die im Haushalt nebenan, also im Nebenhaus bei „Asch-Meyn“, arbeitete. Der Name „Asch-Meyn“ rührte daher, weil früher noch der Müll und somit auch die Asche, also die Brennrückstände der Kohleöfen, mit Pferd und Wagen abgeholt wurden. Die Firma Gustav Meyn war von der Gemeinde damit beauftragt worden, dieses Geschäft auszuführen.

 

Die Eltern meines Spielkameraden Clemens von gegenüber hatten ein größeres Haus mit Garten. Wenn die Früchte reif wurden, gab es dort Pfirsiche, Kirschen, Pflaumen, verschiedene Apfelsorten und Birnen, an denen wir uns als Kinder gütlich tun durften, so oft und so viel wir wollten. Mein Lieblingsobst waren damals deutsche Pfirsiche und Williams-Christ-Birnen, ebenso wie die grünen Flaschenbirnen.

Eines Tages kam meine Oma mit einem Korb leuchtend gelber Birnen nach Hause. Sie sahen genauso aus wie die Williams-Christ-Birnen, die ich so gerne aß. Meine Oma gab mir aber zu verstehen, dass ich den Korb anrühren dürfe, weil sie die Früchte am nächsten Tag alle verarbeiten wollte. Das verstand ich überhaupt nicht: meine Lieblingsbirnen – und ich durfte nicht einmal eine davon naschen?! Meine Oma stellte die Birnen überdies noch in unser Schlafzimmer, als wollte sie prüfen, ob ich mein Wort hielte, nicht davon zu naschen. Ich war gerade mal vier Jahre alt und konnte wegen der duftenden Birnen im Schlafzimmer nicht schlafen. Immer wieder überlegte ich, dass es doch wohl gar nicht auffiele, wenn nur eine einzige Birne aus dem Korb am Morgen fehlte. Also schlich ich mich, als meine Oma tief schlief, zum Korb und stibitzte eine der größten Birnen. Als ich dann aber herzhaft hineinbiss, schrie ich wie am Spieß. Dadurch wurde meine Oma natürlich wach, denn die vermeintlichen leuchtend gelben Williams-Christ-Birnen entpuppten sich als wunderschöne Quitten, die ich bis dahin noch nie kennengelernt hatte. Ich weinte sehr, doch meine Oma tröstete mich und erinnerte mich daran, ein gegebenes Versprechen niemals zu brechen.

 

Sie kochte aus den Quitten ein wunderbares Gelee, welches ich erst gar nicht probieren wollte, aber als ich mich überwunden hatte, es doch zu probieren, aß ich es für mein Leben gern. Meine Oma hatte hingegen die Gewissheit, dass ich nie wieder ein gegebenes Versprechen brechen würde! So erzog sie mich mit Weisheit, manchmal auch mit List und Tücke, aber immer ohne Schläge, zu einem guten Menschen. Dafür bin ich ihr auch heute noch immer von Herzen dankbar.

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