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Ein alter Schulmeister erzählt

von Karl-Heinz Waterstrat

Karl-Heinz Waterstrat

Im Frühjahr 1945 war der Krieg beendet. Ich wurde aus der englischen Gefangenschaft entlassen und fand freundliche Zuflucht, auch bald mit meiner Frau, in der Familie meines Onkels Bruno Pfeffer in Heiligenloh. Im Ort traf ich einen Kollegen, mit dem ich gemeinsam studiert hatte: Heinz Kelm, der auch in der Familie seines Onkels aufgenommen worden war. Wir beide bemühten uns, möglichst schnell in unsere Berufsarbeit einsteigen zu können.
 
Damals waren noch englische Truppen in unserer Gegend anwesend. Diese so genannte Besatzungsmacht übte in vielerlei Dingen Kontrollfunktion aus. Vor unserer schriftlichen Bewerbung beim Schulrat in Syke hatten wir einen Fragebogen mit rund 130 Fragen zu beantworten, der beim so genannten englischen Residenzoffizier zur Auswertung vorliegen musste. Dieser Bogen gab Auskunft vor allem über die politische Tätigkeit, NS-Parteizugehörigkeit und Zugehörigkeit zu Parteigliederungen.
 
Anschließend mussten wir uns beim englischen Schuloffizier in Bassum vorstellen, der dann über die Wiedereinstellung des so geprüften Lehrers entschied. Bei meinem kurzen Besuch dort im Dienstzimmers des Offiziers stellte dieser überrascht fest: „Sie waren ja nicht in der Partei (NS)!“, was die Unterlagen bestätigen konnten. „Alle Lehrer waren doch Mitglied in der Partei“, meinte er. Nach einer kurzen Unterhaltung über Werdegang und Tätigkeit im Kriege sagte er mir: „Suchen Sie sich eine Stelle aus!“ Somit kam ich nach Heiligenloh.
 
Kelm und ich besuchten den Schulrat, um uns über den Dienstumfang zu informieren. Der empfing uns mit den Worten: „Ich denke, sie haben längst angefangen, ich meldete es schon nach Hannover!“ Wir antworteten etwas hilflos: „Wie sollen wir nur, wir verfügen über keine Bücher, kein Schreibmaterial, nicht einmal über Tafelkreide.“ Antwort: „Fangt an, und wenn ihr mit dem Finger in den Sand schreibt!“ (wörtlich).
 
So begannen wir in zwei Klassen in Heiligenloh und an drei Tagen in der Woche vertretungsweise in Borwede und Ridderade. Alle Klassen waren jeweils mit rund 70 Kindern besetzt. Und so begannen wir: Erzählen, Nacherzählen, Vorlesen, Lernen von Gedichten, Gesangbuchversen und Singen, viel Singen, Spiele im Freien.
 
Die Schüler und Schülerinnen waren damals „vorbildlich brav“. Katholische Eltern gaben mir ihre Kinder mit in den evangelischen Religionsunterricht, da weder ein katholischer Geistlicher noch eine solche Lehrkraft anwesend war. Ein gutes Zeichen ökumenischer Gesinnung.
 
Die englischen Soldaten ließen bei ihrem Abzug stapelweise unbenutzte Feldpost-Briefe zurück. Auch steckten die Soldaten dem Schulmeister freundlicherweise manchen Bleistift und Radiergummi zu. Die Feldpost-Briefe verteilten wir einzeln, pro Kind ein Stück mit der Ermahnung, diese sehr sorgfältig zu behandeln und zu beschriften, denn sie mussten für einen Unterrichtstag reichen. Die Kinder waren glücklich. Sie gestalteten schöne Niederschriften, Zeichen- und Malwerke darauf. Ich bin noch im Besitze einiger Exemplare. Erste Fortschritte in der Klassenarbeit gab es im Angebot einer Lese-Lernmethode auf Ganzwort-Basis („Ei – Dora – Hase …“).
 
Aber eins gab man uns mit auf unseren pädagogischen Neuanfang: Wir sollten im Sport keine Trillerpfeife benutzen, auch sollten die Kinder nicht „antreten“ und nach Kommando reglementiert werden. Beides wären militärische Relikte.
 
Im Jahre 1950 wechselte ich im Tausch mit dem alten und behinderten Kollegen Buchholz nach Borwede. Herr Otto Ehlers hatte sich sehr dafür eingesetzt.

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