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Rahlstedter Jahrbuch 2015

Wie kam der Weddinger Weg zu seinem Namen?

von Jörg Meyer und Michael Schulze

In der Urkunde zur Grundsteinlegung des Quartiers Hohenhorst steht geschrieben: "Die neue Wohnsiedlung Hohenhorst ist durch Beschluss der Freien und Hansestadt Hamburg unter das Berlin-Motto gestellt. Der Marktplatz des Bauvorhabens mit einem 14-geschossigen Hochhaus erhält den Namen "Berliner Platz". Die Straßen werden nach Berliner Stadtbezirken benannt." Dadurch wurde die Verbundenheit mit der geteilten Stadt bekundet.

 

Der in der Urkunde erwähnte Beschluss wurde in den Folgejahren in die Tat umgesetzt. So entstand die Wohnbebauung an der Schöneberger Straße, dem Halenseering, der Friedrichshainstraße, dem Zehlendorfer Weg usw. Auch die Grunewaldstraße schließt sich dem Berlin-Motto an.

 

Doch wie kam der Weddinger Weg zu seinem Namen? Er befindet sich in Rahlstedt nördlich des Poggfreedwegs, zwar an der Grenze zu Hohenhorst, gehört aber eindeutig nicht zur Großwohnsiedlung. Viele Häuser links und rechts der Straße sind zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts errichtete Villen und zeigen klar, dass es diese Straße bereits zu jener Zeit gegeben haben muss. Damals gab es noch keinen Senatsbeschluss bezüglich eines Berlin-Mottos und auch kein geteiltes Berlin. Mehr noch: Rahlstedt gehörte noch nicht einmal zu Hamburg.

 

Der Rahlstedter Holger von der Born kann Aufschluss über die Geschichte der Straße geben. Er wurde 1947 im heutigen "Weddinger Weg" geboren und weiß zu berichten, dass die Straße anfangs "Vereinsstraße" hieß. Doch mit dem Groß-Hamburg-Gesetz 1937 kam die Gemeinde Rahlstedt zu Hamburg. Im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel gab es jedoch bereits eine Vereinsstraße. Auf dem neu entstandenen "Groß-Hamburger" Gebiet durften aber keine Namensdoppelungen bei den Straßennamen vorkommen. Eine Umbenennung wurde also notwendig.

 

Annemarie Lutz schreibt in Ihrem Buch "Altrahlstedt an der Rahlau" (1989), dass die Vorarbeiten zu den Straßenumbenennungen jedoch auf Grund des Zweiten Weltkriegs unterbrochen wurden. Erst 1950 kamen sie zum Abschluss. Annemarie Lutz' Vater arbeitete damals ein Straßenverzeichnis aus (S. 150). Dort ist zu lesen, dass die Rahlstedter Vereinsstraße in "Witwenkoppel" umbenannt wurde (S. 156).

 

Im Hamburger Adressbuch 1954 steht zur Erklärung (S. IV/1548): "Witwenkoppel, bisher Vereinsstraße. Flurbezeichnung für ein früheres Kirchengrundstück. Aus den Erträgen dieses Landes erfolgte die Besoldung der Pfarrerswitwen. (Ben. 1950)." In diesem Adressbuch finden sich auch die Namen der Mutter und Großmutter von Holger von der Born. Der "Ur-Rahlstedter" kann sich an die Anfangszeit des Namens "Witwenkoppel" erinnern. Er berichtet von Kriegs- und Kapitänswitwen, die dort wohnten und sich diskriminiert fühlten. Er erzählt sogar davon, dass die Witwen im Rahmen einer "Frauenrechtsdemonstration" die Bannmeile des Hamburger Rathauses durchbrachen Erfolgreich war die damalige Aktion jedoch zunächst nicht. Die Lobby der Frauen war nach Holger von der Borns Einschätzung in der damaligen Zeit zu schwach.

 

Die „Rahlstedter Woche“ berichtete am 19.August 1950 unter der Rubrik „Rund um den Ohlendorffturm“ über die Witwenkoppel (Zitat beigesteuert durch den "Arbeitskreis Geschichte" des Rahlstedter Kulturvereins e. V. ): „Die Bewohner der Vereinsstraße (jetzt Witwenkoppel) haben sich zu einer „verschworenen Gemeinschaft“ zusammengetan. Sie sind fest entschlossen, den veränderten Namen ihrer Straße nicht anzuerkennen. Und um ihrer Empörung und der Freiheit demokratischer Entscheidung zu genügen, wurde das Straßenschild durch einen dicken Teer-Überstrich unleserlich gemacht. Um weitere Beschädigungen zu vermeiden, holt ein Beauftragter des Ortsamtes das Schild nun jeden Abend bei Dunkelwerden ab, um es für die Nacht sicherzustellen; jetzt ist man dem Vernehmen nach seitens der Rebellen entschlossen, auch den Pfahl des Schildes zu demontieren."

 

Dass die Proteste nicht aufhörten, lässt sich auch dem Buch von Annemarie Lutz entnehmen. Sie schreibt zur Witwenkoppel (S. 156): "Gegen diesen Namen protestierten die Anwohner so lange, bis sie Erfolg hatten. Nun heißt die Straße Weddinger Weg." Holger von der Born kann sich erinnern, dass dies in den 1960-er Jahre gewesen sein muss. Steffen Becker vom Stadtteilarchiv Rahlstedt präzisiert die Angabe auf das Jahr 1961. Damals war die benachbarte Siedlung Hohenhorst mit ihren Berliner Straßennamen, wie z. B. dem Neuköllner Ring gerade im Aufblühen.

 

Der Weddinger Weg mit seiner interessanten Geschichte liegt also tatsächlich nicht in Hohenhorst, die Neubenennung hängt aber mit Hohenhorst zusammen.

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